Automatische Zahnreinigung innerhalb von zehn Sekunden – das versprach Amabrush. Über Crowdfunding wurden unterschiedlichen Berichten zufolge bis zu acht Millionen Euro eingesammelt, weitere Millionen von professionellen Investoren medienwirksam zugesagt. Doch jetzt musste das Start-up vorläufig passen und Insolvenz anmelden.

In der Vergangenheit haben wir schon über die Probleme und Entwicklungen bei Amabrush berichtet.

Die Idee

Um Zähne und Zahnfleisch gesund zu erhalten, bedarf es Zeit, Geduld und Ausdauer. Zahnmediziner empfehlen, täglich zwei- bis dreimal die Zähne zu reinigen und das Zahnfleisch dabei ausreichend zu massieren. Über die Dauer des Putzvorgangs ist man sich uneins, aber 90 bis 120 Sekunden werden für notwendig und angebracht gehalten. Zahlreichen Menschen ist das jedoch zu viel; schlechte Mundgesundheit und Zahnschäden sind dann häufig die Folge.

Den Geldgebern leuchtete die Idee einer 10-Sekunden-Zahnbürste daher unmittelbar ein; das Geschäftspotenzial schien enorm. »Spare dir bis zu 100 Tage im Leben für schönere Dinge als Zähneputzen«, warb Amabrush. In der österreichischen Start-up-Show »2 Minuten 2 Millionen« versprach ein Investor im Herbst 2017 die Summe von einer Million Euro für 5 % der Firmenanteile – Geld, das später allerdings nie geflossen ist.

Technische Probleme

Das Amabrush-Gerät besteht aus einem Mundstück und einem Handstück. Das Mundstück ist eine Gebissleiste mit flexiblen Silikonborsten, die alle Zähne gleichzeitig umschließen, wobei über ein Kapillarsystem Zahnreinigungsliquid zugeführt wird und aufschäumt. Das Handstück wiederum versetzt das Mundstück elektrisch in Vibration – mit umgerechnet mehr als 10.000 Schwingungen pro Minute soll auf diese Weise der Putzvorgang sekundenschnell zum Erfolg führen. Entsprechend der sogenannten Bass-Methode setzen die Borsten im 45°-Winkel an.

Bei den Anwendern fiel das Produkt durch. Es hagelte Kritik; vielfach beklagt wurden schlechte Putzleistung und mangelhafte Zahnreinigung. Hinzu kommen die hohen Anschaffungskosten ab ca. 130 Euro für das Starter-Set sowie der Umstand, dass ausschließlich das vom Hersteller in Pods gelieferte spezielle Reinigungsliquid verwendet werden kann. Die Nutzer müssen also nicht nur auf ihre gewohnte Zahnpasta verzichten, sondern haben auch noch höhere monatliche Zusatzkosten.

Unternehmen in Schwierigkeiten

Bereits in der Anfangsphase kam es zu Herstellungsproblemen, vor allem bei dem Kapillarsystem, dessen feine Kanäle in sich zusammenfielen und dadurch den Transport des Reinigungsliquids verhinderten. Zudem konnten von Beginn an nie die notwendigen Stückzahlen produziert werden, was bereits ab Herbst 2018 zu ernsthaften Lieferengpässen führte. Dazu häuften sich die Beschwerden. Ein Anwender zerlegte auf YouTube das Gerät und warnte vor technischen Mängeln, ein anderer zeigte in einem Selbsttest, wie mangelhaft Amabrush eingefärbte Zähne reinigt, im Vergleich zu einer elektrischen Oral-B-Zahnbürste, auch dem direkten Vergleich zu anderen elektrischen Zahnbürsten und Schallzahnbürsten hielt die Amabrush nicht stand.

Nachdem Amabrush-Gründer Marvin Musialek zunächst versprochen hatte: »Man kann keinen Fehler machen: Man steckt das Gerät in den Mund, drückt zwei Knöpfe und ist in zehn Sekunden mit der Zahnhygiene fertig«, sprach er später von falscher Handhabung durch die Benutzer: »Es ist wichtig, das Gerät fest in der Hand zu halten und nicht fest zuzubeißen.« Vorwürfe, der Vibrationsmotor der Amabrush sei zu schwach, wies er zurück. – Inzwischen muss das Start-up wohl einsehen, dass Idee und Produkt derzeit als nicht ausgereift zu betrachten sind.

Staatsanwaltliche Ermittlungen und Insolvenz

Nachdem beim österreichischen Verbraucherschutzverein (VSV) mehrere Tausend Beschwerden eingegangen waren, hat dieser im April 2019 eine Sachverhaltsdarstellung bei der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft in Wien eingereicht. Es wurden daraufhin Ermittlungen wegen des Verdachts auf schweren Betrug aufgenommen. Der Verein denkt außerdem darüber nach, in den USA gegen Amabrush gerichtlich vorzugehen, nachdem Sammelklagen in Österreich nicht möglich sind.

Am 05.06.2019 hat die Firma Amabrush beim Handelsgericht in Wien nun Insolvenzantrag gestellt, wo das Verfahren tags darauf eröffnet wurde. Als Ursachen benennt das Unternehmen neben Anfangsschwierigkeiten bei der Produktion die gestellte Strafanzeige und damit einhergehend den Ausfall zugesagter, erforderlicher Investitionen. Bis auf Weiteres soll die Geschäftstätigkeit in reduzierter Form fortgeführt werden. Jegliche Sanierungsaussichten liegen derzeit im Unklaren.