Geschrieben von: Robert Mertens | Letztes Update: 

Mit der Zahnbürste das Coronavirus bekämpfen

SARS-CoV-2 gelangt über die Nase und den Mund in unseren Atemtrakt und danach in die Lunge. Britische Zahnmediziner stellen diesem gängigen Ausbreitungsweg jetzt ein neues, noch nicht bestätigtes Modell gegenüber: Das Coronavirus könne laut den britischen Zahnmedizinern von der Blutbahn aus unserem Mund direkt in unsere Lunge wandern. Gemäß diesem Modell sind die Zahn- und die Mundhygiene bisher vollkommen unterschätzte Gegenmittel.

Ein Team von der Universität Birmingham unter der Leitung von Ian Chapple, einem erfahrenen Zahnmediziner, berichtet folgendes: Zähne putzen, Zahnseide oder Interdentalbürsten verwenden und den Mund spülen kann eventuell das Risiko senken, dass das Coronavirus in unsere Lunge gelangt. Dadurch ließe sich auch das Risiko eines schweren Krankheitsverlauf verringern. Das neue Modell haben die Wissenschaftler in einem Fachartikel vorgestellt, der im „Journal of Oral Medicine and Dental Research“ veröffentlicht wurde. Bisher wurde das Modell jedoch noch nicht empirisch überprüft.

Entzündetes Zahnfleisch ist eine Gefahr

Die Idee hinter der Modell: Der Speichel in unserem Mund ist eine Art Reservoir für das Coronavirus. Jede Verletzung der Immunabwehr erleichtert es SARS-CoV-2, über das Zahnfleisch oder über die Alveolen in unsere Blutgefäße einzudringen – dies trifft besonders bei Entzündungen, wie beispielsweise bei einer Parodontitis, zu.
Über unsere Blutgefäße im Mund kann das Coronavirus über die Venen im Brust- und Halsbereich zu unserem Herz gelangen.

Von dort aus wird SARS-CoV-2 in unsere Lungenarterien gepumpt und gelangt dadurch direkt in unsere Lunge. Für diese neue Theorie würden einige radiologische Befunde sprechen. Gemäß den Befunden zeigen die Blutgefäße in den Lungen von Covid-Patienten eine besonders hohe Virenlast. Deshalb gibt es auch einen Zusammenhang zwischen einer Parodontitis und einem Covid-19-Todesrisiko.

Ian Chapple sagt: „Dieses Modell könnte erklären, warum manche Menschen erkranken und andere nicht.“ „Es könnte auch unseren Umgang mit der Erkrankung verändern.“

Das bedeutet konkret: Man sollte zur Vorbeugung gründlich die Zähne putzen, sämtliche Ablagerungen mithilfe von Zahnseide oder Interdentalbürsten beseitigen und Entzündungen des Zahnfleisches mit einer Mundspülung bekämpfen. Dadurch ließe sich auch die Virenlast in unserem Speichel und das Risiko einer schweren Erkrankung verringern.

Eine passende anekdotische Evidenz: Die japanische Regierung empfahl ihren Bewohnern eine antivirale Mundspülung. Dies könnte einer der Gründe dafür sein, dass Japan vergleichsweise niedrige Todeszahlen hat.

Generell sprechen die Wissenschaftler sehr viel im Konjunktiv. Das Modell ist bisher rein theoretischer Natur. Es gibt noch keine Studien, die das Modell widerlegen oder bestätigen. Diese seien laut den Wissenschaftlern aber dringend notwendig. Eine Möglichkeit wäre die Messung der Virenlast im Bereich der Halsvenen von Infizierten. Selbst wenn die Theorie bisher noch nicht überprüft wurde, empfehlen die Wissenschaftler bereits jetzt, ein größeres Augenmerk auf die Zahnhygiene zu legen – diese könne während der Pandemie Leben retten.